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Ölmalerei

Malen wie die Alten Meister: Was ist eine Imprimitur?

· Farid Ismayilov

Malen wie die Alten Meister: Was ist eine Imprimitur?

Eine Imprimitur (auch Imprimatur genannt) ist eine dünne, meist transparente Farbschicht, die vor dem eigentlichen Malen auf die weiße Grundierung aufgetragen wird – klassisch in einem warmen Ocker-, Siena- oder Umbraton. Sie nimmt dem Malgrund das grelle Weiß, schafft einen mittleren Tonwert als Ausgangspunkt und verleiht dem fertigen Bild Wärme und Einheit. Für Ölmaler, die sich an der Arbeitsweise der Alten Meister orientieren, ist sie einer der wichtigsten ersten Schritte.

Als akademisch ausgebildeter Maler und Dozent für Malerei möchte ich Ihnen diese Technik so praktisch wie möglich näherbringen. In diesem Beitrag erkläre ich, warum die Imprimitur so wirkungsvoll ist und wie Sie sie selbst anlegen.

Was ist eine Imprimitur genau?

Der Begriff stammt vom italienischen „imprimitura“, was so viel wie „erste Schicht“ bedeutet. Gemeint ist eine lasierende Tönung über dem weißen Grund. Weil sie dünn und durchscheinend ist, leuchtet das Weiß der Grundierung noch leicht hindurch. Das unterscheidet sie von einem deckend farbigen Grund, bei dem die Farbe mit Weiß gemischt und opak aufgetragen wird.

Viele Maler des 16. und 17. Jahrhunderts haben nicht auf reinem Weiß begonnen, sondern auf getönten oder farbigen Gründen – mal hell und warm, mal dunkel und erdig. Die Imprimitur ist die leichteste und für Anfänger zugänglichste Form dieses Prinzips.

Warum nicht einfach auf Weiß malen?

Eine weiße Leinwand ist der hellste Wert, den Ihr Bild überhaupt haben kann. Jeder Pinselstrich wirkt darauf zunächst zu dunkel, und kleine unbemalte Stellen blitzen störend hervor. Die Imprimitur löst diese Probleme:

  • Mittlerer Tonwert: Sie können sowohl Schatten als auch Lichter sofort richtig einschätzen, weil Sie von der Mitte aus arbeiten.
  • Farbliche Einheit: Der warme Grundton schimmert in dünnen Partien durch und verbindet alle Farben miteinander.
  • Keine „Löcher“: Lücken zwischen den Pinselstrichen wirken harmonisch statt grell.
  • Weniger Hemmung: Ein getönter Grund wirkt meist weniger einschüchternd als eine leere weiße Fläche.

Welche Farbe für die Imprimitur?

Die Farbe beeinflusst die Stimmung des gesamten Bildes. Bewährt haben sich vor allem transparente oder halbtransparente Erdfarben, die zudem relativ zügig trocknen:

  • Lichter Ocker: hell und warm, gut für helle, freundliche Motive
  • Gebrannte Siena: warm, rötlich und leuchtend – sehr beliebt für Porträts, weil sie Hauttöne lebendig wirken lässt
  • Rohe Umbra oder Gebrannte Umbra: neutraler und kühler bzw. dunkler, gut für ernstere Stimmungen
  • Grünliche oder graue Töne: etwa eine Grünerde oder ein gebrochenes Grau, als Gegenpol zu warmen Hauttönen

Ein Gedanke zum Komplementärkontrast

Ein warmer Grund unter kühlen Motiven – etwa einem Himmel – bringt die Farben zum Vibrieren, weil kleine warme Stellen durchscheinen. Umgekehrt kann ein kühler, grünlicher Grund Hauttöne frischer und rosiger wirken lassen. Probieren Sie beide Varianten auf kleinen Testkartons aus.

Imprimitur anlegen: Schritt für Schritt

  1. Malgrund vorbereiten: Verwenden Sie eine grundierte Leinwand oder Malplatte. Die Oberfläche sollte trocken, sauber und staubfrei sein.
  2. Farbe verdünnen: Geben Sie etwas Gebrannte Siena oder Ocker auf die Palette und verdünnen Sie sie mit geruchsarmem Lösungsmittel zu einer flüssigen, lasierenden Konsistenz. Kein Öl und kein fettes Malmittel zugeben – die erste Schicht muss mager sein.
  3. Großzügig auftragen: Mit einem breiten Borstenpinsel oder Flachpinsel die Farbe gleichmäßig über die ganze Fläche verteilen.
  4. Abreiben: Mit einem fusselfreien Baumwolllappen die Fläche abwischen, bis ein gleichmäßiger, transparenter Ton entsteht. Je mehr Sie abreiben, desto heller wird die Imprimitur.
  5. Trocknen lassen: Eine dünne, magere Imprimitur aus Erdfarben ist je nach Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit oft nach etwa einem bis wenigen Tagen trocken genug zum Übermalen.

Lüften Sie beim Arbeiten mit Lösungsmitteln gut und legen Sie die benutzten Lappen zum Trocknen ausgebreitet hin oder bewahren Sie sie in einem verschlossenen Metallbehälter auf – ölgetränkte Lappen können sich selbst erhitzen.

Variante: In die nasse Imprimitur zeichnen

Eine schnelle und sehr lehrreiche Methode ist es, gleich in die noch feuchte Imprimitur zu arbeiten. Mit dem Lappen oder einem mit Lösungsmittel befeuchteten Pinsel heben Sie die hellen Flächen heraus, mit etwas dunklerer Farbe setzen Sie die Schatten. So entsteht in kurzer Zeit eine monochrome Tonwertskizze – eine gute Übung, um in Licht und Schatten zu denken.

Variante: Imprimitur in Acryl

Wer nicht warten möchte, kann die Tönung auch mit stark verdünnter Acrylfarbe anlegen. Sie ist nach kurzer Zeit trocken, und Sie können darauf mit Öl weitermalen. Wichtig ist nur die Reihenfolge: Öl auf Acryl funktioniert, Acryl auf Öl nicht.

Wie es nach der Imprimitur weitergeht

Die Imprimitur ist nur der Anfang des klassischen Bildaufbaus. Darauf folgen typischerweise:

  1. Vorzeichnung: mit Kohle, Bleistift oder dünner, dunkler Ölfarbe. Wie wichtig eine sichere Zeichnung ist, beschreibe ich in Warum Zeichnen die wichtigste Grundlage für gute Malerei ist.
  2. Untermalung: eine einfarbige oder farbreduzierte Anlage der Hell-Dunkel-Werte, oft in Umbra oder einem Grau.
  3. Farbschichten: erst halbdeckend, dann immer gezielter, mit zunehmendem Ölanteil nach der Regel „fett auf mager“.
  4. Lasuren und Lichter: transparente Farbschichten für Tiefe und dicke, pastose Lichter am Schluss.

Weil Sie vom mittleren Tonwert der Imprimitur aus arbeiten, müssen Sie Licht und Schatten von Anfang an bewusst setzen. Wenn Sie hier unsicher sind, hilft mein Beitrag Licht und Schatten richtig zeichnen.

Häufige Fragen

Ist Imprimitur dasselbe wie Grundierung?

Nein. Die Grundierung (etwa ein Acryl-Gesso) bereitet den Malgrund vor und sorgt für Haftung. Die Imprimitur ist eine dünne Farbschicht auf der Grundierung, die den Ausgangston des Bildes bestimmt.

Wie dunkel sollte die Imprimitur sein?

Für die meisten Motive eignet sich ein heller bis mittlerer Tonwert. Ist sie zu dunkel, müssen Sie die Lichter sehr deckend aufbauen. Für dramatische Bilder mit starkem Hell-Dunkel kann ein dunklerer Grund aber genau richtig sein.

Muss ich die Imprimitur ganz trocknen lassen?

Wenn Sie deckend darübermalen möchten, ja – sie sollte zumindest berührungstrocken sein, sonst vermischt sie sich mit den folgenden Schichten. Nur bei der Methode „in die nasse Imprimitur zeichnen“ arbeiten Sie bewusst nass.

Wo kann ich diese Technik lernen?

Den klassischen Aufbau eines Porträts zeige ich ausführlich in meinem Udemy-Kurs Altmeisterliche Porträtmalerei mit Ölfarben. Grundlagen zum Material finden Sie in Ölmalerei für Anfänger.

Fazit: Ein kleiner Schritt mit großer Wirkung

Die Imprimitur kostet Sie nur wenige Minuten und etwas Geduld beim Trocknen, verändert aber das ganze Bild: Sie arbeiten vom Mittelton aus, die Farben wirken einheitlicher und der Einstieg fällt leichter. Probieren Sie es auf einem kleinen Format aus. Wenn Sie klassische Ölmalerei unter persönlicher Anleitung lernen möchten, finden Sie meine aktuellen Malkurse und Workshops unter Kurse und Termine.

Bildergalerie

Porträt in Öl – Farid Ismayilov
Porträt in Öl – Farid Ismayilov
Porträt in Öl – Farid Ismayilov
Porträt in Öl – Farid Ismayilov
Porträt in Öl – Farid Ismayilov
Porträt in Öl – Farid Ismayilov